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Aktuelle Gedanken

Wort zum Mittwoch, 05.10.2022

Pilgern mit Harfe und Gottvertrauen.

Anja Bakker, auf ihrer Pilegerreise von Irland nach Jerusalem

Mitte September konnten wir im Kloster Triefenstein eine außergewöhnliche Besucherin begrüßen. Anja Bakker hatte sich ein paar Tage vorher per Mail gemeldet. Und gefragt, ob sie auf ihrer Pilgerreise von Irland (ihrer Heimat) nach Jerusalem bei uns Station machen könnte. Sie käme zu Fuß, schrieb sie. Und sie würde ihre Harfe mitbringen.
Als wir diese Mail lasen, rieben wir uns erst einmal ungläubig die Augen. Kann das möglich sein? Zu Fuß von Irland nach Triefenstein – immerhin mehr als 1600 km. Und dann anschließend noch einmal mindestens 4000 km auf Schusters Rappen weiter nach Jerusalem. Durch Länder wie die Türkei, den Libanon und Syrien. Tag für Tag mit einer Harfe auf dem Rücken. Ist das überhaupt zu schaffen?
In der ARD-Mediathek entdeckten wir einen kleinen Fernsehbeitrag über Anja. Danach luden wie sie gerne ein, weil wir richtig neugierig geworden waren auf diese Frau.
Und dann stand sie vor uns. In braunen Wanderklamotten. Mit langen, zu Zöpfen geflochtenen Haaren. Mit der Jakobsmuschel der Pilger am Gürtel (natürlich ist Anja auch schon nach Santiago de Compostela gelaufen). Mit einem großen Rucksack (inklusive Harfe rund 20 Kilo schwer, wie wir später erfuhren). Mit einem Lächeln und einem erstaunlich guten Deutsch.
Zwei Tage und Nächte lang machte Anja bei uns Station. Sie aß mit uns, erlebte Tageszeitengebete im Kloster, erzählte und spielte an einem Abend für uns auf ihrer Harfe. Dann brach sie auf zu ihrer nächsten Station, dem Kloster Oberzell am Rand von Würzburg. Wo sie heute unterwegs ist? Manchmal verrät sie es in ihrem Blog (https://theflautingharper.com/) oder per Twitter. Die Richtung ist klar: Jerusalem.
Diese besondere Pilgerin hat mich beeindruckt. Sie zieht los, nur das Nötigste auf dem Rücken, mit einem klaren Ziel vor Augen und mit dem Vertrauen darauf, dass sie abends ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen bekommen wird. Sie plant nur die nächste Wegstrecke und lässt sich überraschen von dem, was danach auf sie zukommt. Sie kommt sich selbst auf dem Weg näher, stellt sich ihren Ängsten, sammelt Mut für die nächste Etappe. Sie lernt Selbstvertrauen und auch Vertrauen zu Gott, dem sie beim Pilgern begegnen möchte. Jeden Morgen – so erzählt sie – betet sie. Bittet Gott darum, dass sie das bekommt, was sie an diesem Tag zu Leben braucht.
Ich bin ziemlich sicher, dass ich niemals zu Fuß nach Jerusalem aufbrechen werde. Lernen aber kann ich trotzdem eine ganze Menge von Anja und ihrer Lebenseinstellung.
Danke dafür, liebe Anja, gute Reise Dir. Oder wie man auf dem Jakobsweg zu sagen pflegt: buen camino!

Christoph Zehendner
www.christoph-zehendner.de